Freitag, 14. Juli 2017

Krebs ist nicht nur ein Tier

Bis vor 3 Wochen habe ich die Hälfte meines Lebens gegen meinen Körper gekämpft, mindestens 3 mal in der Woche bin ich ins Fitnessstudio getigert, gesunde Ernährung, Diäten, ich war sauer auf meinen Körper und auf mich, wenn es nicht so geklappt hat wie ich es mir gewünscht habe. Der Körper war nie perfekt. Nur was ist denn perfekt?
Ich habe mich teilweise geschämt für einzelne Körperteile, die mich evtl sogar an jemand erinnert haben, der kein Teil mehr meines Lebens ist. Ja ich habe meinen Körper formen wollen. Um anders zu sein... oder vielleicht um so zu sein wie tausende andere Frauen?

Ich habe auf Alkohol verzichtet, auch weil ich es einfach nicht mag, habe noch nie in meinem Leben geraucht oder Drogen genommen und dennoch erhalte ich diese Diagnose mit gerade mal 28 Jahren?

Nun habe ich Krebs.
Die Diagnose kam einfach so, ohne Vorwarnung oder einer Vorahnung, hätte mich nicht jemand vorher warnen können? Mich aufklären oder einfach vorbereiten können? 

Ich saß dort im Arztzimmer, die Ärztin erzählt alles mit ruhiger Stimme, klar und verständlich, dennoch bekomme ich nichts mit. Fühle mich wie in einer Luftblase, einem Vakuumglas... 
mir liefen die Tränen, ich zitterte, ich habe es nicht verstanden.
Bis sie gesagt hat wie meine Chancen stehen... 90% wenn es nicht gestreut hat.

90%? Was ist mit den 10 weiteren Prozenten? Wie gestreut? Ich habe wirklich Krebs? Ich ?
Das haben doch nur andere Menschen, im Fernsehn oder alte Leute. Oder eben Menschen die man nicht kennt...
Nein es haben auch Menschen, Liebsten von mir bereits erwischt, es ist nicht immer gut ausgegangen. Und dennoch war es weit weg von mir. Ich dachte nie, dass auch ich irgendwann Herrn Krebs begrüßen muss.

Wie kann das sein? Ich habe doch nie etwas schlechtes mit meinem Körper gemacht? Oder etwa doch? Hätte ich vielleicht Alkohol trinken sollen oder rauchen? Oder war es der Stress? Wieso habe ich nun Krebs? so plötzlich?

Zum Glück war mein Herzensmann mit im Krankenhaus, er konnte alle Fragen stellen, die mir in dem Moment durch den Kopf schossen, die ich aber nicht hätte stellen können...

Wir gingen gemeinsam aus dem Krankenhaus, total benebelt und neben der Spur. Die Diagnose war wie ein schlechter Traum und ist es noch immer.

Nach dem Termin wollte ich doch arbeiten... hatte ich einen Tag zuvor meinen Kolleginnen gesagt. Wer hätte denn auch sowas erwartet ? 

Also fuhren wir gemeinsam zur Kita, ich wollte es einfach direkt sagen, meinen Chef vorwarnen und meinen Kolleginnen erklären warum ich nun erstmal eine Woche zu Hause bleibe, um den Schock zu verarbeiten und es evtl zu realisieren. 
Eine Woche? Mir war wirklich nicht bewusst was nun alles auf mich zu kommt...

Es war der reinste Horror, es meinen Kolleginnen zu erzählen. Ja ich habe nun Krebs, aber irgendwie doch auch nicht ? Oder?  Sie waren geschockt, haben mit mir geweint aber mir auch viel Mut zugesprochen. Danke dass ihr mich in dem Moment so aufgefangen habt.

An den nächsten Tagen habe ich es versucht allen mir nahe stehenden Personen schonend beizubringen. Aber wie kann man es anderen erklären was man selbst nicht realisiert ? Ich habe jedem den gleichen Text erzählt, weil ich ja mehr auch nicht weiß:

"...der Befund der entnommen Zyste hat ergeben, dass in dieser bösartige Anteile gefunden wurden, deshalb muss nun auch der Eierstock entnommen werden. 
Da diese beschissene Zyste während der OP geplatzt ist, kann es sein dass es gestreut hat... und Ende August erhalte ich Chemo..."
Mehr weiß ich doch auch nicht. 

Ich habe versucht es jedem schonend beizubringen. Vielleicht auch um es mir schonend beizubringen? 

Es standen Arzttermine an. Meine Eizellen müssen entnommen und eingefroren werden. Da durch die Chemo alles zerstört werden kann. Wir waren gemeinsam im Kinderwunschzentrum und haben uns beraten lassen. 

Wie? wir müssen alles selbst zahlen? "Sozial freezing" ? Nicht deren Ernst? 
Leider doch... Wir müssen die komplette Behandlung sowie Medikamente zur Eizellentnahme selbst zahlen, da es "sozial freezing" ist! 
Ich habe mit der Krankenkasse telefoniert. "Der Gesetzgeber hat vorgegeben, dass "sozial freezing" eine Privatleistung ist und somit, egal ob Krebspatientin oder nicht, selbst gezahlt werden muss."

Super nun habe ich Krebs und muss eine Behandlung im Wert von um die 5.000€ selbst zahlen. Nicht das der Krebs schon mein größtes Problem wäre... 

Und wie ist das denn mit Krebspatientinnen, die kein Geld zur Seite gelegt haben ? Haben diese eben Pech? Dürfen später keine Kinder haben? Nur weil sie die finanziellen Mittel nicht haben? 
Was ist das bitte für eine Scheiße? Was soll das Deutschland? Wie ungerecht ist das bitte? 

Ich habe mich tagelang so sehr darüber aufgeregt, dass ich selbst mit meinem Hausarzt darüber gesprochen habe...  er meinte zum Schluss nur, dass man nicht umsonst sagt, dass arme Menschen früher sterben... oh man da hat er leider wirklich recht.
...wer kein Geld hat kann sich eben nicht die tolle medizinische Versorgung leisten. Solch eine Sauerei!!!!!

Das Thema ist wirklich zum Kotzen!!!

Zwei Tage nach der Diagnose ging es also nun mit den Hormonen los, damit in mir schöne, große und viele Eizellen heranreifen. 3 Spritzen täglich und nach einer Woche waren so viele da, dass ich einen Bauch einer Schwangeren im 5 Monat hatte... 
Montags war es dann soweit die Eizellen wurden unter Vollnarkose entnommen und mit den Samen meines Herzensmannes befruchtet. Nun kuscheln sie bei Minusgraden zusammen im Gefrierschrank.

Bevor sie aber befruchtet werden durften sollten wir  schnellstmöglichst vor der Entnahme noch zum Jugendamt. 
Wir sind nicht verheiratet und mussten somit eine Urkunde unterschreiben, in der steht, dass mein Herzensmann nun der zukünftige Vater unserer "noch nicht gezeugten Kinder" ist. Und, das Wichtigste wohl für alle Beteiligten, besonders für das Kinderwunschzentrum, dass er Unterhaltspflichtig ist für unsere noch nicht gezeugten Kinder. 
Sehr romantisch!!!! 

Naja etwas Gutes gab es diese Woche dann doch noch... Ich bin wohl eine sehr gute Legehenne... 14 Eizellen konnten entnommen werden.

"Yeah eine ganze Fussballmannschaft inkl.  Auswechselspieler", war das Erste was er dazu gesagt hatte.

Die Eizellen sind nun in Sicherheit, so darf einen Tag später der Eierstock raus.
Dieses Mal in der Frauenklinik Olgäle Stuttgart.
Wieder Vollnarkose und los geht's. Gefühlte 5 Minuten später lag ich im Aufwachraum, mir geht's echt gut. Und dann wurde ich auch direkt auf mein Zimmer gebracht. 

Mein Herzensmann war auch direkt da. Ohne ihn wäre ich wohl momentan echt aufgeschmissen... 

Alles ist gut verlaufen, sie haben mehrere Proben, u.a. vom Zwerchfell, entnommen und auch eingeschickt. Eine Woche später erhalte ich dann die Ergebnisse. 

Nun, da ich eh schon im Krankenhaus bin, darf ich zum Herz Echo, zur Sonographie und auch die Nieren werden noch mal gründlich begutachtet.

Es war ein wunderschönes Gefühl das eigene Herz zu sehen und zu hören. Total beruhigend und irgendwie auch emotional.

Die Ärztin sagte nur, dass alles in Ordnung sei und mein Herz die Chemo verkraften wird. 

Halloooo? Natürlich wird es das? Das ist doch klar, dafür hätte ich nun wirklich nicht extra dahin gehen müssen. Dass weiß ich doch, dass mein Herz stark genug ist!!!! 
Das bisschen Chemo schaffe ich mit Links.

Dann kam die Sonographie, einen Tag später. Oh man war ich aufgeregt. Es wird nun geschaut, ob sich evtl Metastasen gebildet haben. 
Der Arzt schaute sehr ernst während er meinen ganzen Bauch abschallte. 
Dann sprach er endlich mit mir... er sieht nichts. Es sieht alles normal aus, keine Metastasen, nichts!!

Puh ich hätte vor Freude weinen können. Endlich wieder ein gutes Zeichen. So kann es jetzt auch weiter gehen... 

Die Ergebnisse der entnommenen Proben müssen jetzt noch abgewartet werden... aber die werden auch nicht befallen sein, ganz ganz bestimmt. 

Die Frauenklinik, Olgäle, Stuttgart, ist wirkich ein Traum gewesen. Danke an die Station MB 52, ihr seid wunderbare Schwestern!  Ich habe mich so wohl und total gut aufgehoben gefühlt.

Nach 2 Nächten all inclusive durfte ich nach Hause und mir ging es wirklich klasse. Endlich wieder im eigenen Bett schlafen und unseren kleinen Mann sehen und kuscheln. 

Balu war total aufgeregt und freute sich so unfassbar, dass ich wieder zu Hause war. Das war ein wunderschönes Gefühl.

Es ist wunderbar die zwei tollsten Männer wieder um sich zu haben! 


Seitdem ich wieder zu Hause bin, werde ich natürlich von allen gefragt wie es mir jetzt geht? Leider kann ich diese Frage immer noch nicht wirklich beantworten. Denn eigentlich geht´s mir ja gut, bis auf die OP-Wunden... ich fühle mich nicht als hätte ich Krebs. Ich dachte immer, was vielleicht kindisch ist, dass sich Krebs-Patienten krank fühlen. Ich fühle mich aber absolut nicht krank...

Das Schlimmste aber an dem ganzen Krebs-Zeug ist das Warten und das Ungewisse. Ständig auf Ergebnisse oder Untersuchungen warten. Und sich zu fragen wie es nun weiter geht.

Und was ist überhaupt diese Chemo? Was kommt auf mich zu? Wie reagiert mein Körper? Oh man keiner kann es mir sagen, dass ich echt kein schönes Gefühl...

Aber was soll's, mir wurde nun diese Aufgabe gegeben und diese werde ich auch bewältigen. 

Und vielleicht hat es auch alles was Gutes? 

Ich Kämpfe nun für meinen Körper und mit ihm gemeinsam um mein Leben. Das ist ein schönes Gefühl. 

Warum gegen den Körper kämpfen? Nur damit man so aussieht wie tausend andere Frauen ? Dann habe ich lieber schöne Kurven, bin gesund und habe Zeit für wichtigere Sachen im Leben. Und das Wichtigste in unserem Leben sind doch immer unsere Lieben, Familie, Freunde und dass wir glücklich sind.

Danke für alle die in dieser Zeit für mich da sind. Danke für alle bisher erlebten und die tausend weiteren schönen Momente in meinem Leben. 

Danke an meine  zwei tollen Männer. Ich liebe Euch von ganzen Herzen.


Und nur damit du es weißt, Herr Krebs, ich werde dich besiegen und Ende des Jahres eine riesige Party feiern. 



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